von Dr. Stefanie Kretschmar, M.S.D.

Zahnfleischrückgang lässt sich zumeist gut behandeln

In einem Fachbeitrag für die Zeitschrift „Der Freie Zahnarzt“ erklären meine Kollegin Dr. Margret Bäumer aus Köln und ich, mit welchen Methoden sich freiliegende Zahnhälse wieder mit Zahnfleisch bedecken lassen und in welchen Fällen diese Therapie erfolgversprechend ist.

Wesentliche Aussagen des Beitrags haben wir hier für Sie zusammengefasst:

Viele Menschen ärgern sich über Zähne, an denen das Zahnfleisch zurückgegangen ist und den Zahnhals freigelegt hat. Sie befürchten – zumeist fälschlich – dass sich der Prozess fortsetzt und sie die betroffenen Zähne verlieren könnten. Außerdem sind die freiliegenden Zahnhälse oft unangenehm empfindlich und die Zahnfleischränder entzünden sich leicht. Manche Patienten stört das Phänomen auch aus ästhetischen Gründen – vor allem dann, wenn dort zusätzlich Zahnfüllungen ins Auge fallen.

Freiliegende Zahnhälse wieder bedecken – das geht!

Manche Patienten berichten mir, sie hätten erfahren, dass diese Situation nicht zu ändern sei. Das ist jedoch nicht richtig. In den meisten Fällen lassen sich die Zahnhälse wieder langfristig mit Zahnfleisch bedecken. Das neue Gewebe stellt anschließend wieder eine feste Verbindung zum Zahn her.
Bei Karies im Bereich der freiliegenden Zahnhälse können wir übrigens dadurch – nach Entfernung des Defekts – sogar meist auf eine künstliche Füllung verzichten.

Zuerst: Ursachen für Zahnfleischrückgang klären

Bevor die Therapie beginnt, ist es wichtig zu ermitteln, was den Zahnfleischrückgang ausgelöst hat. Denn nur so können wir vermeiden, dass das gleiche Phänomen erneut auftritt. Häufig sind es „irritierende Faktoren“, die das Gewebe zum Rückzug veranlassen: Das können zum Beispiel zu heftiges Zähneputzen, Piercings im Mundbereich oder Kronenränder sein, die unterhalb der Zahnfleischgrenze liegen. Manchmal lösen Ablagerungen (Plaque) Entzündungen aus, die zum Zahnfleischrückgang führen. Oder Zahnbewegungen aufgrund einer kieferorthopädischen Behandlung sind die Ursache. Auch anatomische Faktoren, zum Beispiel ein sehr dünnes Zahnfleisch, kommen in Betracht.

Verschiedene Behandlungsmethoden

Es gibt unterschiedliche Techniken, um die Zahnwurzel wieder zu bedecken bzw. das Zahnfleisch an der betroffenen Stelle zu verstärken. Dazu entnehmen wir entweder eine kleine Gewebepartie aus dem Gaumen und transplantieren sie an den betroffenen Zahn oder wir verschieben angrenzendes Zahnfleisch auf die freiliegende Wurzel, indem wir es verlagern und dabei dehnen. Zudem beschreiben wir im Fachbeitrag Methoden, die beide Vorgehensweisen kombinieren, wie die Tunnel- oder die Envelope-Technik.

Wie hoch ist die Erfolgswahrscheinlichkeit bei einer Therapie?

Fachleute teilen Fälle von Zahnfleischrückgang in vier unterschiedliche Gruppen ein, die sogenannte Miller-Klassifikation (s. Grafik). Die Zuordnung sagt auch etwas über die Erfolgswahrscheinlichkeit einer Behandlung aus.

Miller-Klassen I und II

Zahnfleischrueckgang_Miller_Klassen_I_II
Miller-Klassen I (links) und II (rechts)

Bei einer Situation, die der Miller-Klasse I oder II zuzurechnen ist, sind Knochen und Zahnfleisch zwischen den Zähnen völlig intakt. Der Zahnhals liegt entweder nur im Bereich des festen Zahnfleisches (Gingiva) oder bis in den anschließenden Bereich der weichen Mukosa hinein frei. In beiden Fällen können wir den freiliegenden Zahnhals durch einen operativen Eingriff wieder völlig mit Zahnfleisch bedecken.

Miller-Klassen III und IV

Zahnfleischrueckgang_Miller_Klassen_III_IV
Miller-Klassen III (links) und IV (rechts)

Hat sich das Zahnfleisch auch bereits seitlich vom Zahn gelöst (Miller-Klasse III), ist es nicht mehr möglich, den Zahnhals wieder vollständig zu bedecken – unabhängig davon, wie weit der Rückgang des Zahnfleisches ansonsten reicht. Auch bei Zähnen, die der Miller-Klasse IV zuzuordnen sind, gelingt die Wurzeldeckung nicht mehr gänzlich. Bei solchen Zähnen kommt zur Ablösung des Zahnfleisches nämlich außerdem ein Knochenrückgang hinzu.

Bei Zähnen der Miller-Klassen III und IV kann eine Behandlung im Einzelfall trotzdem sinnvoll sein, um die Situation zu verbessern. Der Patient sollte jedoch wissen, dass der Eingriff den „Normalzustand“ nur für eine kurze Weile herstellt und das Zahnfleisch sich auf jeden Fall wieder ein wenig absenken wird.

Mit richtiger Therapie Zähne langfristig erhalten

Unser Fazit: Mit den beschriebenen Methoden der Wurzeldeckung erreichen wir eines oder mehrere der folgenden Therapieziele: Wir machen die Zahnhälse wieder unempfindlicher und so leichter zu reinigen. Wir verdicken das Gewebe, das die Wurzel umgibt, und beugen damit weiterem Rückgang vor. Wir schaffen eine gute Ausgangssituation z.B. für das Überkronen von Zähnen oder für eine kieferorthopädische Behandlung. Und nicht zuletzt: Wir verbessern die Ästhetik.

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